Thomas Frick

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Foto: Thomas Nowak

Thomas Frick

Thomas Frick, Benzstr. 1, D-14482 Potsdam,

+49 171 415 9676, mail@frickfilm.de

www.thomasfrick.de

eine Leseprobe befindet sich am Ende der Seite

 

Thomas Frick, Jahrgang 1962, geboren in Rostock / DDR.

Abiturabbruch wegen Verweigerung einer Offizierslaufbahn.

Verfolgung und Verhaftungen durch Staatssicherheit.

Fachschulstudium Krankenpflege.

Arbeit als Amateurfilmer. Veranstalter von Underground-Filmfestivals.

Engagement in der Poetenbewegung der DDR.

Mit Unterstützung namhafter Regisseure 1988 Aufnahme eines Regiestudiums in Babelsberg.

Diplomfilm „Der unbekannte Regisseur“ 1996 als Coproduktion mit der UCLA in Los Angeles.

Seit 1996 Arbeit als Film- und Fernsehregisseur und Autor. Zahlreiche Auszeichnungen.

Absolvent der Masterschool Drehbuch.

Dozent für Drehbuch und Dramaturgie.

Journalist für Zeitschriften und ein bekanntes Motorradmagazin.

Mitbegründer und Vizevorsitzender der Umweltorganisation youthinkgreen. Weltweite Seminarreisen.

Literarische Veröffentlichungen und Teilnahme an Schreibseminaren seit 2009. Lebt in Potsdam.

 

Veröffentlichungen (Auszug):

„Die perfekte Insel“ (Reiseerzählung, 2009 Publikumspreis der P.M.)

„Abgespaced“ (phantastische Kurzgeschichten)

„Abenteuer Westafrika“ (Reisebildband)

„Tree of Hope“ (Medienhandbuch, Mitautor und -herausgeber, Kellner Verlag)

„Gagarin“ in CORONA, November 2016

„Der Mahr“ in Monster of the Week, Anthologie 2017

"CAL" 2. Platz in Literaturwettbewerb des VFR und Veröffentlichung in Raumfahrtjahrbuch "Space 2018"

„Die peinlichste Stunde des Konsul Gruner“ PERRY RHODAN, März 2018

"Abgespaced 2" (phantastische Kurzgeschichten, Band 2)

"CAL" in c't Januar 2019

 

Bücher von Thomas Frick: http://www.amazon.de/Thomas-Frick/e/B00JOD9YBU

Leseprobe:

 

Gagarin

(veröffentlicht in "Corona", Verlag Bunt und in Farbe, November 2016)

von Thomas Frick

 

»Da oben war noch jemand«, sagte Juri, als wir endlich unter vier Augen waren. Dann schwieg er, und ich hielt den Atem an.

Es war der Abend des zwölften April 1961 und nur Stunden her, dass wir den ersten Kosmonauten der Geschichte der Raumfahrt lebend auf einer Wiese in der Nähe der Stadt Engels geborgen hatten. In der Datscha am Ufer der Wolga, in die wir ihn brachten, wimmelte es von Bonzen. Die halbe Parteiführung war um Gagarin herum, in Erwartung des Ruhms, der auf sie alle abfärben würde, jetzt, da er ein Held war und man ihn bereits mit Christopher Kolumbus und Charles Lindberg verglich. Im Fall seines Todes hätten wir den Start geheim gehalten, sogar vor seiner Familie. Noch vor Stunden berechneten wir die Chance für sein Überleben auf 47 Prozent. Vier von sieben Testraketen waren explodiert. Juri wusste es und vertraute mir, Sergej Pawlowitsch Koroljow, sein Leben an.

Vor dem Start umarmte ich ihn als Letzter und erinnerte ihn an die Pistole, die er an Bord hatte. Nicht, um sich außerirdische Besucher vom Hals zu halten, wie Juri scherzte. Sie diente offiziell der Abwehr wilder Tiere, falls er nach einer Notlandung auf sich allein gestellt sein sollte. In Wirklichkeit war sie die Option für den Fall, dass wir den Kosmonauten nicht zurückholen konnten. Juri war Offizier und kannte das Risiko.

Während des Fluges beobachtete ich sein zittriges Fernsehbild und die Monitore mit den Lebensfunktionen, solange er im Bereich sowjetischer Empfangsstationen flog. Nach der Landung war ich als Erster der Bergungsmannschaft bei ihm. Von nun an würde er unter ständiger Beobachtung leben. Als Chefkonstrukteur seines Raumschiffs standen mir ein paar Minuten mit ihm zu.

Die Wolga glitzerte im Licht der Sterne. Unsere Atemwolken verloren sich in der Nacht, und ich sah, dass Juri weinte.

»Ich war nicht allein«, flüsterte er und sah mich mit einem Seitenblick an, als wolle er sich vergewissern, dass ich, sein einziger Vertrauter, noch da war. Vorsichtig legte ich meinen Arm um seine Schultern und schwieg. Bis ich seine Worte endgültig verstand, würden fünf Jahre vergehen. Es war die Zeitspanne bis zu meinem eigenen Tod.

Nach einer Weile räusperte er sich und begann zu erzählen. Die Phase des Starts übersprang er, die enormen Belastungen der Gravitation, das Abtrennen der Stufen. Details, über die er schon in den Befragungen und Untersuchungen gesprochen hatte. Er litt unter Sehstörungen und Bewusstlosigkeit. Als er zehn Minuten nach dem Start in der Schwerelosigkeit erwachte, war das Erste, was er sah, unser blauer Planet. Er stellte die Funkverbindung zum Kontrollzentrum her und schilderte uns den Anblick der Wolken, schaute auf Gebirgszüge, Inseln und Küstenstriche. Niemand vor ihm hatte die Erde so sehen dürfen. Niemand vor ihm war jemals so einsam gewesen.

Schon Tage vor dem Start wuchs in mir der Verdacht, dass er, den wir alle als den geselligsten Menschen der Welt wahrnahmen, sich hinter seinem Lächeln versteckte. Vielleicht ahnte er, dass der Ruhm des Ersten im All ihn so weit vom Rest der Menschheit abrücken würde, dass er schließlich allein dastand. Ich schwor mir als sein Freund, dass ich das nicht zulassen würde. Aber vielleicht hatte dieser Prozess sich bereits an jenem Nachmittag in der Datscha vollzogen. Was immer er mit der Andeutung meinte, hatte mit seiner Angst zu tun.

»Ich blickte hinab auf unser sowjetisches Vaterland und konnte keine Menschen erkennen, nur eine Oberfläche.«

Ich nickte nur, denn ich verstand. Der Genosse Tupolew holte mich 1944 aus Stalins Lagern, nach sechs Jahren Haft, weil die Heimat Ingenieure in der Rüstung brauchte. Ich entwarf die R-7, Chruschtschows Triumph im Kalten Krieg, die erste Interkontinentalrakete der Welt. Während Wernher von Braun sich in Amerika noch wunderte, entwickelte mein Kollektiv den Sputnik und brachte ihn ins All. Das Nobelpreiskomitee fragte nach dem Konstrukteur. Aber der Generalsekretär antwortete, es sei die Arbeit des gesamten sowjetischen Volkes gewesen. Nicht einmal in meiner Heimat kannte jemand meinen Namen, und so würde es bleiben. Der Wettlauf um die Eroberung des Weltraums fand zwischen einem ehemaligen Nazi und einem entlassenen Gulag-Sträfling statt. Kein Wunder, dass die Parteiführung mich versteckte. Mir war es einerlei, solange ich arbeiten konnte und nicht erschossen wurde.

Ich baute Juris Raumschiff, entwarf seinen Druckanzug, brachte ihn in eine Umlaufbahn und zurück. An wen sonst konnte er sich mit seinen Zweifeln wenden? Der Bauernsohn und Eisengießer, das Ebenbild eines Komsomolzen, der Vorzeige-Kommunist und Oberleutnant, wusste nicht viel von meiner Vergangenheit. Ich selbst ahnte nicht, dass er als Sohn eines in Gefangenschaft geratenen Soldaten den Lebenslauf fälschen musste, um eine Lehrstelle zu bekommen. Dass wir einander erkannten, war Intuition. Deshalb vertraute er sich mir an:

 

Allmählich gewöhnte ich mich an das Gefühl der Schwerelosigkeit. Es geschah im Funkloch über dem Atlantik. Das straff anliegende Federsystem, das mir beim Abtrennen der Raketenstufen den Brustkorb zusammendrückte, war nicht mehr zu spüren. Ich begann zu entspannen, wartete, dass Afrika in Sicht kam und damit das Bremsmanöver und die Landung. Während ich hinunter sah und mir drüber klar zu werden versuchte, wo ich war und wer ich für den Rest meines Lebens sein würde, hörte ich hinter mir ein Geräusch. Jemand bewegte sich. Atmete.

Da es unmöglich war, in dem starren Raumanzug hinter mich zu blicken, versuchte ich, am Rand meines Helmfensters etwas auszumachen. Dort erschien zuerst ein Handschuh, dann der Körper, und zu meinem Entsetzen hörte ich eine menschliche Stimme: »Keine Angst, mein Freund. Ich setze mich kurz dazu.«

Die Gestalt sprach russisch, aber das wurde mir erst später bewusst. Sie sah aus wie ein Mensch, war aber ganz sicher nicht von dieser Welt. Denn sie trug nicht wie ich einen unförmigen Raumanzug, sondern eine leichte Montur, ähnlich den Druckoveralls, die wir bei Testflügen anhaben.

»Ich komme gern hierher. Wegen der Aussicht«, sagte der Mann leise, »und wegen der Erinnerungen.«

Er drehte mir den Rücken zu, schwebte vor dem Bullauge. Ich konnte seine Augen nicht sehen. Etwas blendete mich. Ich musste blinzeln. Er blickte zur Erde. Mein Hals war trocken, und das Herz hämmerte.

»Wer bist du?«

Der Mann antwortete nicht, sah hinaus, und ich war nicht sicher, ob ich etwas gesagt hatte. Ob er überhaupt da war. Ich räusperte mich und wiederholte die Frage mit Schärfe. Nach einer Weile lehnte der Fremde sich zurück und seufzte.

»Das fragst du dich selbst die ganze Zeit, nicht wahr? Du bist Juri Gagarin. Der erste Sternenmensch, Held der Sowjetunion.«

Ich schüttelte den Kopf in meinem Helm, ohne zu wissen, ob der Andere es mitbekam. Natürlich war ich kein Held der Sowjetunion. Im Leben nicht.

»Du irrst«, entgegnete ich, »dieser Titel wird echten Helden verliehen. Marschall Schukow, Budjonny. Iwan Nikowitsch Koschedub. Zweiundsechzig Abschüsse bei einhundertzwanzig Luftkämpfen gegen die Deutschen. So einer muss man sein. Ich führe nur einen Befehl aus.«

Gleichzeitig dachte ich: Er hat Recht. Es wird so kommen. Der Orden liegt in einer Schublade im Kreml bereit. Wenn ich das hier überlebe und danach nicht wahnsinnig bin, werde ich ein Held sein. Aber will ich das?

»Natürlich willst du es. Juri.« Ich konnte das Lächeln des Fremden hören, und wie es erstarb. »Und auch nicht. Du fürchtest dich davor.«

Im Weltall kann es sehr still sein. Unter uns zog die Erde vorbei, blau und fern, der Ort wo meine Freunde auf mich warteten. Würden sie es noch sein, wenn ich zurückkehrte? Von den Sternen. Eine Legende. Kein Held der Sowjetunion hat Freunde. So einer ist ein Denkmal, eine Marionette, das Aushängeschild. Eine Waffe im Kalten Krieg.

»Woher weißt du so viel über mich? Was willst du?«

Was immer er war, ein Geist, ein Spion, eine Halluzination, ich würde mich zu wehren wissen. Ich tastete nach der Pistole. Sie lag bereit. Der Fremde deutete in Richtung Osten.

»Auf der Pressekonferenz wird man dich fragen, ob du Gott gesehen hast.«

»Und was werde ich antworten?«

Er lachte.

Ich packte ihn, so fest ich konnte am Arm. Wir rangen. Gott oder nicht, er musste mir antworten.

»Wer bist du?«

»Ein toter Kosmonaut, wie du.«

Die TDU-1 zündeten wie ein Faustschlag und drückten mich in den Sitz. Das Bremsmanöver hatte begonnen. Doch der Geräteteil trennte sich nicht von der Landekapsel. Ein paar Kabel hatten sich nicht gelöst, so dass ich in Rotation geriet, dreißig Grad pro Sekunde. Ich verlor die Orientierung. Die aufgehende Sonne stach mir in die Augen. So schnell ich konnte, schloss ich das Helmvisier und nahm Kontakt mit der Bodenstation auf. Meldete, dass es mir gut ging, ohne meinen Besucher zu erwähnen, der verschwunden war.

Ich wollte kein toter Kosmonaut sein, auch kein verrückter. Ich musste wieder zurück ins All. So bald wie möglich. Nach etwa zehn Minuten verglühten die Kabel. Das Geräteteil löste sich, und die Drehbewegung hörte auf.

 

»Goworit Moskwa. Hier spricht Radio Moskau. Das erste Raumschiff der Welt, WOSTOCK, ist heute von der Sowjetunion aus mit einem Menschen an Bord in den Orbit gestartet. Der Kosmonautenpilot ist ein Bürger der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, Luftfahrtmajor Juri Gagarin.«

Sie hatten ihn schnell noch befördert, während er seinen Flug absolvierte. Das Kommuniqué an alle Radiostationen der Welt wurde Chruschtschows Coup gegen Kennedy. Für Juris Rückkehr waren drei Reden vorbereitet. Eine für seinen Tod, eine, falls er irgendwo auf der Welt gesucht werden musste, und eine für den Sieg.

Nie wieder kam ich meinem Freund so nahe wie an dem Abend am Ufer der Wolga. Über der Datscha begann es zu schneien. Stimmen wurden laut. Sie klangen nach Wodka. Schon näherten sich in der Dunkelheit die hohen Pelzmützen der Generäle und Parteigrößen.

Juri wischte die Tränen weg und wurde wieder unser Prachtkerl, der fortan auf Paraden und Parteitagen seine Rolle spielte. Gagarins Lächeln würde die Welt erobern. Nur deshalb hatten wir ihn ausgewählt, und nicht German Titow oder einen anderen. Er würde mit Gina Lollobrigida flirten, mit Fidel Castro im offenen Wagen durch den Tropenregen Havannas fahren, mit der britischen Queen dinieren und sie alle verführen. Nikita schickte ihn um die Welt und behängte ihn mit Auszeichnungen. Selbst Juris Frau, Valja, bekam einen Leninorden, den sie niemals trug. Ihre Ehe wurde zur Hölle. Juri durfte nie mehr ins All und überlebte mich nur um zwei Jahre. Ausgebrannt. Aufgequollen vom Alkohol.

Er richtete sich auf, umarmte mich und ging die Uferböschung hinauf, den Bonzen entgegen. Wie ein Held, der zu seiner eigenen Hinrichtung schreitet.

»Du weißt nicht, wer dort mit dir gesprochen hat?«, rief ich ihm nach.

Der Kosmonaut drehte sich um und sah mir in die Augen. In seinem Blick war Trauer. Er schüttelte den Kopf und ging. Sein letztes Geheimnis vertraute er auch mir nicht an.

Als er starb, ging das Entsetzen um die Welt. Niemand verstand es. Hatte es der Held der Sowjetunion nötig gehabt, wieder als einfacher Pilot zu arbeiten?

Die MIG-15 bohrte sich mit 670 Stundenkilometern in ein Waldstück bei Nowosjolowo. Sinnlos, tragisch, unbegreiflich.

Ich allein weiß es besser. Die Geschichte von seinem unheimlichen Besucher teilte Juri mit niemandem sonst. Die Begegnung mit dem seltsamen Außerirdischen, welcher behauptete, immer wieder gern an diesen Ort zurückzukommen. Der Juris Namen kannte und genau den Druckanzug anhatte, den dieser am letzten Tag seines Lebens trug.

Es war kein fremder toter Kosmonaut gewesen, der ihm erschienen war, um ihm den Ausweg aus seinem Gefängnis zu zeigen. Manchmal treffen wir uns zu dritt, in der Raumkapsel, am 12. April des Jahres 1961, über dem Atlantischen Ozean. Ich sitze hinter den beiden und höre zu. Wegen der Aussicht und der Erinnerungen.