Manfred Richter

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Manfred Richter

 

 

Die Birke

 

Nun bin ich alt. Weit über 80 Jahre. Die hohe Birke vor meinem Fenster ist jünger, aber ihre weiße und schwarze Rinde ist runzliger als mein Gesicht.

Gestern kamen Männer und haben sie umgesägt. Sie war den Straßenbauern im Wege. Ich habe zugeschaut – und es hat mir weh getan. An der Birke hängen so viele Erinnerungen, schöne und schwere Erinnerungen.

Einer der sägenden Männer warf etwas in den Graben. Da habe ich mich schnell gebückt. Und wirklich, es war, gänzlich voller Moos und Schmutz, das kleine braune Medizinfläschchen.

Jetzt musste ich an Annemarie denken. Wir waren beide etwa zwölf Jahre alt und hatten uns lieb. Aber wir haben es nicht gesagt. Wir liefen mit roten Köpfen aneinander vorbei und haben uns zugelächelt. Mehr war da nicht. Dann aber das kleine braune Fläschchen. Annemarie hatte es leer von zu Hause mitgebracht. Dahinein schoben wir immer kleine Zettelchen mit einer Nachricht. Annemarie an mich - „Muss mit Mama nach Birkenwerder“, ich an Annemarie - „Dein neues Kleid ist dufte“.

Das Fläschchen verkorkten wir und steckten es in den Stamm der Birke. Da gab es ein kleines, beinahe zugewachsenes Loch. Früh, auf dem Weg zur Schule, habe ich mit spitzen Fingern das Fläschchen hervorgeholt. Und wenn ich lesen konnte: „Du bist Rad gefahren, hab Dich gesehen“, dann war der Rest des Tages für mich schön.

Das ist nun so viele Jahre her. Das Fläschchen liegt wie eine Botschaft aus der Vergangenheit in meiner Hand. Mit einem spitzen Messer versuche ich den steinhart gewordenen Korken heraus zu pulen. Es misslingt. Das Fläschchen zerbricht. In meiner Hand liegt einer der winzigen Zettel. Ich erkenne auch jetzt noch Annemaries Schrift. „Kommst Du mit nach Sanssouci? Ist doch Sonntag“.

Damals habe ich den Zettel nicht mehr lesen können. In der Nacht zuvor war der schreckliche Bombenangriff auf Potsdam. Und Annemarie ist umgekommen. Wenige Tage später wäre sie 13 geworden.

Aber der Birke bin ich dankbar. Sie hat mein damaliges Leben aufbewahrt und mir heute, nach so vielen Jahren, wiedergeschenkt.

 

Karikatur: Harald Kretzschmar

 

Manfred Richter

 

* 1929 in Dresden; Autor von Drehbüchern, Theaterstücken, Romanen, Erzählungen, Lyrik und Kinderbüchern; wohnt in Groß Glienicke bei Potsdam

zur kurzen Selbstbiografie

 

Literarische Veröffentlichungen

 

Theaterstücke

Das Zauberfass (Henschelverlag, U. 1955)

Kommando von links (Henschelverlag, U. 1958)

Die Insel Gottes (Henschelverlag, U. 1958; Druck ins Deutsche 1962, ins Rumänische 1963, gespielt u. a. in Frankreich, Schweiz, Rumänien, Ungarn, Russland)

Ehrengericht (Henschelverlag, U. 1960)

Rübchen (Henschelverlag, U. 1962)

Der Eisriese (Puppenspiel, U. 1974)

 

Spiel- und Fernsehfilme (DEFA und Fernsehfunk)

Als Martin 14 war (Spielfilm, U. 1963)

Joi Mama (Fernsehspiel, U. 1967)

Reife Kirschen (Spielfilm, U. 1972)

Der Untergang der Emma (Spielfilm, U. 1974)

Das große Abenteuer des Kaspar Schmeck (Fernsehfilm in 3 Teilen, U. 1982)

Familienbande (Spielfilm, U. 1982)

Der Hut des Brigadiers (Spielfilm, U. 1986)

Ein Wigwam für die Störche (Fernsehfilm, U. 1986)

Vernehmung der Zeugen (Spielfilm, U. 1987)

Die verzauberten Brüder (Fernsehfilm, U. 1987

Die kriegerischen Abenteuer eines Friedfertigen (Fernsehfilm, U. 1991)

 

Prosa

Das Ei in der Trompete (Kinderbuchverlag, 2. Auflage 1982, Übersetzt ins Chinesische, Verlag in Peking 1987)

Der vertauschte Vati (Kinderbuchverlag, 3. Auflage 1986)

Der Schickedietenheimer Turm (Kinderbuch, Illustr. v. M. Bofinger, Märkischer Verlag Wilhelmshorst 2000)

Legende Lövenix (Roman über G. W. Leibniz, trafo-Verlag Berlin 2004, eBook-Verlag EDITION digital 2014)

Jakobs Augen (Erzählung, Märkischer Verlag Wilhelmshorst 2005)

 

Außerdem Erzählungen und Lyrik in Anthologien und Zeitschriften sowie Film- und Theaterkritiken im RBB und in Zeitschriften.

 

Weitere Drehbücher

Die verlorene Klausur (über Olga Benario & Otto Braun, Regie: H. Seemann, Kamera: Jürgen Brauer, verboten)

Die Lansfieds (verboten)

Ich bin ich / Ich bin Bob (Regie: Celino Bleiweiß, verboten)

Späne (Regie: Celino Bleiweiß, SU/Richteramt, verboten)

Spielfilm Trasse (zu spät 1990)