Doris Bewernitz

2012

Preisträger:

Anerkennung:



Doris Bewernitz 


(Alle Rechte liegen bei der Autorin)



Einsamkeit

Diagnose


Das Radio läuft


hinter geschlossenen Fenstern


auf dem Tisch eine Tasse


mit kaltem Kaffee


 


Eine runzlige Hand


hält die Stuhllehne


tastet die Wände ab


greift nach dem Teddy


 


Ein Mund sucht Worte


öffnet sich schließt sich


die Sprache ergibt sich


dem Ticken der Uhr


 


Das Brot im Kühlschrank


wölbt seine Ränder


die Dose mit Suppe


widersteht ihrer Öffnung


 


Die kurzen Schritte


über Teppich und Schwelle


vermessen den Raum


am Ende des Lebens


 


In wessen Namen


an welch einem Tag


wer sprach dieses Urteil


für welches Verbrechen


Meine Krankheit hat einen


Namen das freut die Ärzte


sie haben mich durchschaut


 


Einen Namen der Angst auslöst


nicht nur bei mir deshalb


werde ich unsichtbar


 


Verschwinde in einem Zimmer


das nach Sauberkeit riecht


werde entfernt von Sonne und Wind


 


Werde gebettet in die Lüge


mir sei zu helfen das Laken


steril kein Fleck keine Falte


 


Bösartiges sagen sie


geschehe in meinem Körper


und müsse bekämpft werden


 


Und ist doch mein Körper


mein Leid meine Liebe mein Haus


ich soll mich benehmen


 


Ihren Kampf soll ich kämpfen


soll schweigen und hoffen und schlucken


was sie mir verschreiben


 


Und ist doch mein Leben


mein Stolz meine Wut meine Tränen


und will doch nur da sein



Die Antwort

Kaleidoskop


Sie wird hier nicht mehr herauskommen


Jedenfalls nicht auf eigenen Füßen


Soviel ist klar das Zimmer misst


Sechs mal viereinhalb Schritte


 


Jeden Morgen sagt sie sich dass


ihre Zeit um sei und kann es


nicht glauben das soll ein Leben


gewesen sein so wenig


 


Vor dem Fenster eine Kastanie


mit grünen Igeln das Essen


kommt pünktlich genau wie das Schweigen


da kann man sich drauf verlassen


 


Stundenlang denkt sie über Worte


nach immer leerer wird dabei der


Kopf ihr Bruder liebte Kastanien


wie war noch sein Name


 


Sie öffnet den Mund als wolle


sie etwas sagen aber zu wem


das Zimmer ist leer bis auf


sie zuerst sterben die Worte


 


Sie hat Angst vor der Leere im


Kopf die Nachtschwester stellt


eine Frage sie bräuchte zu lange


um zu verstehn was sie meint


 


Die Frage ist nicht kompliziert


zuerst sterben die Worte sie angelt


sie fischt nach der Antwort nach Fetzen


nach Fischen die ganze Nacht


 


Morgens ist sie soweit die Antwort


zu denken aber da ist das Gesicht


schon der Schwester ein neues


und überhaupt


 


Sie wird hier nicht mehr herauskommen


Sie öffnet den Mund als wolle


sie etwas sagen ihr Leben


war reich und voll Liebe das


 


ist die Antwort


Sein Leben ist ein Kettenkarussell


Er hat so viele Träume zu verschenken


Er hat so viele Fragen zu bedenken


Und alles geht ihm viel zu schnell


 


Das erste Mädchen das er einst umarmte


Im Krieg ihr rätselschwarzes langes Haar


War seidenweich und roch so wunderbar


Als das Vergessen ihrer sich erbarmte


 


In seinem Garten wuchsen Mirabellen


Und seine Kinder saßen auf dem Schoß


Die Sommer waren wie ein Festmahl groß


Er hätte Lust den Acker zu bestellen


 


Den Hund zu kraulen durch den Wald zu gehen


Noch einmal all den Duft in sich zu saugen


Die Nase sollte doch dafür noch taugen


Dass er's nicht darf, das kann er nicht verstehen


 


So viele Menschen hat er mal geliebt


Und fragt sich still wo die geblieben sind


Sein Herz ist weit als wäre er ein Kind


Und da ist keiner der ihm Antwort gibt


 


Dass er jetzt alt ist hat sich wohl gezeigt


Er hat zu essen und es gibt auch Frauen


Die ab und zu mal nach dem rechten schauen


Er lächelt scheu zurück und schweigt



Blau

Erinnerung


Ich kann keine Zeitung mehr lesen


Das machen die Augen nicht mehr


Ich kann keine Lieder mehr singen


Das ist mir zu schwer


 


Ich kann keine Worte mehr sagen


Sie fallen mir nicht mehr ein


Ich kann auch das Fenster nicht öffnen


Dafür bin ich inzwischen zu klein


 


Ich kann mich gar nicht mehr wehren


Wenn jemand bös zu mir ist


Dann bricht mir das Herz in Stücke


Mit allem was drinnen ist


 


Und das ist so viel Schönes


Das seh ich mir gerne an


Ich kann mich gut erinnern


An irgendwann


 


Ich hab viel tausend Schätze


Die würde ich gern vergeben


Der Himmel ist blau vor dem Fenster


Blau wie mein Leben


Ich hab doch das Rechte getan


Oder nicht


Warum kommt dann jede Nacht


Dieses Kindergesicht


 


Als wir die Bettler vertrieben


Von unserer Tür


Da wusste ich nicht dass das alles


Zurückkommt zu mir


 


Da wusste ich nicht dass das Leben


Sobald vorbei


Dass achtzig Jahre so schnell


Herum sind wie drei


 


Drei war das Kind stolze Augen


Es war so klein


Und ich stand am Fenster und tat nichts


Als wär ich aus Stein


 


Ich war nicht viel älter sieben


Vielleicht auch acht


Als die Eltern die Bettler verjagten


Am Anfang der Nacht


 


Damals da glaubte ich fest


Dass wir das Rechte getan


Warum sieht das Kind mich dann immer


Noch jede Nacht an


 


Wir hatten doch satt zu essen


Ein warmes Bett


Ach was gäbe ich heute darum


Wenn ich jemanden hätt


 


Ihm zu sagen wie ich mich schäme


Fürs Herz aus Stein


Aber ich kann es niemandem sagen


Ich bin allein