Henry-Martin Klemt

Mitglieder A-Z

 

Henry-Martin Klemt

 

 

VERGESSLICHES LIED

 

wenn ich vergessen habe

dass es uns nur einmal gibt

setze ich mich an den grossen tisch

mit allen die ich geliebt

 

wenn ich vergessen habe

unsere kurze frist

werd ich erzähln eine ewigkeit

von dem was gewesen ist

 

wenn ich vergessen habe

dass wir zu staub verwehn

werden wir uns umarmen am meer

jung und stark und schön

 

wenn ich vergessen habe

dass die vernunft nicht siegt

trinke ich auf die dummheit und die

die sich ihr nie gefügt

 

wenn ich vergessen habe

unsre vergesslichkeit

richte ich mich wieder auf ohne angst

bis an das ende der zeit

Juli 2013

 

 

VERSCHWIEGENES LIED

 

Es legt sich der Schnee auf die Küsse von gestern,

bedeckt schon die Spuren der Liebe, die ging.

Die glühende Haut und die Kälte sind Schwestern

und manch einer schweigt, wie ein anderer singt.

 

Und manch einer schweigt, wie ein anderer singt.

Wer zuhört, der spürt, wie die Grenze verschwindet:

ein Schwimmer im Strom, wenn der Fluss ihn durchdringt,

und dass wir nie suchten nach dem, was uns findet.

 

Und dass wir nie suchten nach dem, was uns findet,

verwehrt uns Vollendung und gibt uns Gestalt.

Vielleicht ist der Seher als erster erblindet

und einzig der Rastlose schenkt uns noch Halt.

 

Und einzig der Rastlose schenkt uns noch Halt,

bis uns das, wonach wir noch hungern, verschlingt.

Der Schnee an den Lippen macht jung und macht alt

und manch einer schweigt, wie ein anderer singt.

 

Januar 2013

 

 

GRAUER TANGO

Was soll die Nacht denn andres sein als eine Fähre,

die uns von einer Insel auf die nächste trägt?

Ich lieb dich nicht, und wenn ich trotzdem dich begehre,

dann hat die Liebe sich vielleicht im Schlaf bewegt.

In deiner Iris fängt das Grün der höchsten Welle

das Blau des Himmels ein. Doch was mich jetzt erregt,

ist jenes Grau, so still und nüchtern, wie die Schwelle

des Morgens, wenn das Herz dem Tag entgegenschlägt.

Das ist die Stunde, da die Kinder in uns frieren,

und seine Hände öffnet, wer noch Hoffnung hegt,

da wir uns finden oder allezeit verlieren

und mit dem Wind gehn, der die leeren Straßen fegt.

Mein Schritt ist sicher und dein Blick ist unbestechlich.

Wir sagen nichts, was man hier nicht zu sagen pflegt.

Doch in dies Grau, so still und nüchtern, hätt tatsächlich

ich völlig wehrlos mich und splitternackt gelegt.

März 2013

 

 

POETIK

 

lieder schreiben

die am meer

noch stimmen

 

September 2012

 

 

neunelf

 

I

als sie zum einsturz brachten

ihre eigenen tempel

wusst' ich von ihrem ende

trennen nur wenige

kriege uns noch

 

II

am ground zero nach

pathos bohren bis

in die letzte tv-show

hinein mit dem finger

im eigenen arsch

 

III

nicht etwa sie

verschwinden nur was

uns trennt wir bleiben

bestenfalls übrig

ohne triumph

 

September 2012

Aktuelle Programme

 

„Was ich will“, Lesung, ca. 1 Std

 

„Mich ritt die schöne Kellnerin – Gedichte um die Liebe“, ca. 1 Std.

 

„Jahrgang 1960 – Zwei Dichter im Konzert“, mit Frank Viehweg (voc., git.), ca. 2 Std.

 

An diesem Abend präsentieren sich zwei Künstler und Freunde, die mehr verbindet als das gemeinsame Geburtsjahr. Sie kennen sich seit mehr als 30 Jahren und wissen, dass der jeweils andere auf Anhieb die gleichen Sterne am Himmel der Poesie findet, wenn von deren Koordinaten die Rede geht. (Maik Altenburg)

 

„Wo sich die Säfte der Früchte vermischen“, mit Frank Viehweg (voc., git.), ca. 2 Std.

 

Liebe und Kunst lassen Grenzen verschwinden, ziehen neue um sich und die Liebe herum, aber so, wie ein Schal im Herbst, so wie die unsichtbare Hülle aus Wärme und Vertrauen, die auch anderen Liebenden leuchtet, ihnen heimleuchten kann. Der Liederdichter Frank Viehweg aus Berlin und der Lyriker Henry-Martin Klemt aus

Frankfurt wissen um den geheimen Ort, „wo sich die Säfte der Früchte vermischen“. Was sich dort berührt, will nicht nur träumen, das möchte einander auch anfassen und sich reiben, sich entzünden, niederbrennen und wie Phönix auferstehen. Das liebt die Kraft wie die Schwäche, wenn sie menschlich sind. Wenn es wahr ist, dass ein Gerechter die Welt retten kann, können zwei Liebende es erst recht. (BlickPunkt)

 

 

Foto: Schulze

Henry-Martin Klemt

wurde am 3. April 1960 in Berlin geboren. Er arbeitet seit 1994 als freier Text- und Bild-Journalist in Frankfurt (Oder), ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Nach der Ausbildung zum Facharbeiter für Drucktechnik, Arbeit als Offsetkopierer und Armeezeit erwarb er 1985 den Hochschulabschluss Literatur am Literaturinstitut „Johannes R. Becher“ in Leipzig. Er war Mitarbeiter im VEB Halbleiterwerk Frankfurt (Oder), freier Schriftsteller und Feuilletonredakteur einer Tageszeitung.

 

Mail: frankfurt[at]hmklemt.de

Web: www.hmklemt.de

 

Zu seinen Lyrik-Veröffentlichungen gehören:

„Poesiealbum 242“ (Verlag Neues Leben, Berlin, 1987),

„Wegzeichen“ (Stadt Frankfurt (Oder) 1990), „Freiheit riecht nach Verbranntem“ (edition rotdorn, Potsdam, 1997),

„Menschenherz“ (Verlag Die Furt, Jacobsdorf, 2002),

„Hautkontakte“ (viademica verlag berlin, Berlin, 2004), „Was ich will“ (publishers frankfurt oder, 2008), „Als wär ich schön (publishers frankfurt oder, 2010) sowie Publikationen in Anthologien (z.B. „Lyrik der DDR“, S. Fischer), in Print- und Funkmedien.

 

Mitwirkung an LPs/CDs:

„Millionen Emotionen“, 1989, der Rockgruppe Wahkonda, Frankfurt (Oder), „Heimwärts“, 1997, „Nur diese eine Schwalbe“, 2003, und „Fluss unterm Eis“, 2005, der Gruppe Quijote, Chemnitz

„Liebeslieder nach 12“, 2002,

„Mein Grund“, 2003, und

„Fremdes Land“, 2009, von Frank Viehweg, Berlin

„Jetzt sind wir hier“, 2003, mit den Frankfurt AllStars, Frankfurt (Oder)

„Drei Liter Landwein“, 2001, und „Bald Anders“, 2004, der Gruppe Drei Liter Landwein, Frankfurt (Oder).

 

Klemts wichtigste Nachdichtungen sind das „Requiem“ von Anna Achmatowa (Potsdam 1992) und Gedichte von Vadim Sidur (Berlin 1992).

 

Klemt erhielt unter anderem den Reinhard Weisbach Preis 1982, den Hans Weber Förderpreis 1989, ein Stipendium des brandenburgischen Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur 1996, den Ehm-Welk-Literaturpreis 1996, einen Preis des „3. Festivals Internazionale di Poesia 1997” in Genua (Italien) sowie den Mannheimer Heinrich Vetter Literaturpreis 2005.