Heinrich von der Haar

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Leseproben von Heinrich von der Haar

(www.HeinrichvonderHaar.de)

 

MEIN HIMMEL BRENNT

 

Die Geschichte einer Kindheit im Münsterland

 

 

Einer muss weg (Der Romananfang)

 

 

»So lange hat’s nie gedauert, wir müssen beten«, sagt Vater.

 

Ich hör Mutter in der Elternkammer hinter der alten Stube stöhnen. »Was ist mit Mama?« Ich drängle an Paula vorbei und drück die Klinke der Stubentür runter.

 

Paula zieht mich zurück, legt den Zeigefinger auf den Mund und flüstert: »Psst, Mama hev Koppiene. Heini, geh spielen!«

 

»Was soll ich denn spielen?« Handschuhe hängen am Herd, nass vom Schneemannbauen. Immer hat Mutter Kopfweh. Heute, am Sonntagmittag, hat sie nicht mal mitgegessen. Ich renn durch den Flur zur anderen Tür der alten Stube, doch Paula stellt den Fuß von innen dagegen. »Heini, verschwinde!« Die älteste Schwester will immer das Sagen haben.

 

Es schellt, ich öffne. Meine Taufpatin Tante Maria hängt im Flur Mantel und Pelzhut auf. »Heini, du bist ja gewachsen.« Sie packt Bonbons aus und gibt mir zuerst eins.

 

Tante Trude humpelt herbei, wischt die Hände an der fleckigen Schürze ab, schaut zu Vater. »Die ganze Arbeit mit’n Blagen hab ich, nu noch eins, was solln wir mit so vielen?«

 

»Erstmal abwarten, ob’s gut geht.« Vater geht mit ihr und Tante Maria vom Flur gleich in die beste Stube.

 

Mit Mutter stimmt was nicht. Ich press ein Ohr ans Schlüsselloch. Die kleine Anna will auch. »Verschwinde«, sag ich. Gleich kratzt und beißt sie, aber ich zieh an ihren Haaren, damit sie nicht vergisst, dass ich ein Jahr älter bin.

 

»Hein, ihr müsst mir noch eins geben, habt ihr versprochen«, sagt Tante Maria zu Vater. »Opa hat dich im Krieg gerettet.«

 

O Gott, sie will noch eins. Nur nicht mich! Sie hat schon Otto. Wenn noch eins, dann nicht Anna. Auch nicht Ulla: Mit der spiel ich und vertrag ich mich am besten. Lieber die große, dickfellige Paula oder die dünne Eva mit der Brille.

 

 

 

DER IDEALIST

 

Die Geschichte eines jungen Münsterländers in Berlin

 

 

Das helle Geschrei der Wildgänse zieht südwärts in der Septembersonne vorüber. Ich trete von einem Bein aufs andere. Die Arme hängen schlaff. Der rechte Daumen auch. Willst du Anhalter wirklich fort, wie die Zugvögel hoch oben? Sieben Uhr. Die Glocken der Heilig-Geist-Kirche lärmen zum Abschied. Die Stunde null. Nach der Flucht aus Steinhop hast du dir mit der Zauberformel Ich-will-Pfarrer-werden die Oberschulpforte geöffnet. Und auf diesen Tag hingelebt. Sind die drei Jahre bischöfliches Kolleg tatsächlich vorbei? Jeden Morgen zum Frühstück Vokabeln gepaukt, mittags Gleichungen gelöst und zur Abendsuppe konjugiert: libero, liberavi, liberatum. Selbst Klassenlehrer Hoppe hat gezittert, ob es zur Reife reicht…