Jens Grandt
12527 Berlin, Büxensteinallee 24
Tel. (030) 6743289
Zwei Leseproben befinden sich weiter unten:
"Einmal die Eisberge sehen"
"Spillkys Erzählung"
Foto: Britta Lauer
An Bord des Eisbrechers „Polarstern“
Vita
Abitur an der Kreuzschule Dresden. Studium der Journalistik in Leipzig. Vornehmlich als Wissenschaftsjournalist tätig, „Wochenpost“, „Magazin“, Redakteur der akademischen Monatszeitschrift „Spectrum“. Seit 1976 freiberuflich. Erste Erzählung „Der Tod des Pförtners“. Im gleichen Jahr erste Buchveröffentlichung „Wissenschaft im Interview“. Reportagen in kontinuierlicher Folge für die Jahresbände „Urania-Universum“.
Verstand ich mich in einer ersten Lebensphase als Vermittler von naturwissenschaftlichen Forschungsergebnissen, so in einer zweiten Phase als sozialkritischer Publizist. Die journalistische Begleitung akademischer Langzeitvorhaben hatte zur Folge, dass nach 1990 philosophie-historische Rezensionen in der „Süddeutschen Zeitung, FAZ, NZZ und weiteren Printmedien gefragt waren.
Studien zur säkularen Religiosität mündeten in die Streitschrift „Ludwig Feuerbach und die Welt des Glaubens“. Nach der deutschen Vereinigung Autor der Monatszeitschrift „Spektrum“, Heidelberg, des Berliner „Tagesspiegel“ und anderer Medien.
Aus der Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern ergab sich eine Spezialisierung auf Polarforschung. Die engen Kontakte zum Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung, Bremerhaven, ermöglichten es mir, auf dem norwegischen Eisbrecher „Polar Queen“ (1989) eine Expedition in die Antarktis zu begleiten und an zwei Arktisexpeditionen auf dem Forschungseisbrecher „Polarstern“ (Kanadische Hocharktis 1998; Framstraße, Nansen-Becken, 1999) teilzunehmen. Resultat dieser Reisen waren mehrere populärwissenschaftliche Bücher, gemeinsam mit Polarforschern und als Coautor geschrieben – im Genre Mischformen zwischen Erlebnis- und Ergebnisbericht.
Als sich einige familiäre Situation entspannt hatten, Wiederaufnahme belletristischer Arbeiten. Es entstanden Kurzgeschichten aus dem hiesigen Alltag, Impressionen, Storys mit vornehmlich polaren Sujets. Veröffentlichungen in Anthologien und literarischen Halbjahreszeitschriften. Nach wie vor publizistisch tätig für Printmedien.
Nach jahrelanger Arbeit daran ist der Roman "Bodenlose Fahrt" über eine moderne Polarexpedition im November 2025 erschienen.
Publikationen




„Ein Schiff im Eis. Ein Ingenieur, der nicht weiß, ob er fährt – oder stillsteht. Hartmut Wegler folgt der Alemania in ein Meer ohne Grenzen, wo Nebel und Stille schwerer wiegen als jede Welle. Die Route ist klar, das Ziel ungewiss. Und je weiter sie vordringt, desto mehr verliert sich das Maß der Dinge: Raum, Zeit Vertrauen. Zwischen Kameradschaft und Misstrauen, Routine und drohendem Abgrund sucht Wegler seinen Kurs. Bis das Polarmeer selbst zur Falle wird.“ So offeriert der Omnino-Verlag das Buch.
„Mit Bodenlose Fahrt gelingt es Jens Grandt, das Genre des Expeditionsromans neu zu beleben“, schreibt der Historiker Alexander Schug. Halbrealistisch, halb fiktiv schildert der Roman eine neuzeitliche, d.h. moderne Arktisexpedition – in der Belletristik ein leeres Feld. Zugleich repräsentiert die Crew an Bord die Gesellschaft in nuce mit all ihren Konflikten; nicht zufällig heißt das Schiff Alemania. So die Assoziation: Eine wie in eine Blackbox eingeschlossene Community, orientierungslos geworden, agiert in selbstbezogenen Gewohnheiten ohne übergreifende Zielvorstellungen. Eine Liebesgeschichte gibt es auch. Der Ausgang bleibt offen. Das Schiff fährt und fährt, aber wohin?
Leseprobe
Einmal die Eisberge sehen
Am ersten Tag des neuen Jahres wurde in Kapstadt ein Mann überfallen. Es geschah im helllichten Sonnenschein, unter einem der glitzernden Hochhäuser. Leif Taller, das Opfer, kam aus Deutschland. Er war kein junger Spund mehr, aber auch nicht alt genug, um seine Träume leichthin aufzugeben. Er wollte diesen Abend an der Waterfront verbringen, die er noch nicht kannte, ein bisschen auf die Schiffe schauen, einen Kaffee trinken und eine Pfeife rauchen. Das wäre ein guter Abschied vom Kontinent. Als er in die Bree-Streat einbog, dachte er: Bis hier hin, nach mehreren Jahren Bettel und Business, hast du's geschafft. Nichts und niemand mehr kann dich aufhalten. Du wirst in den Süden fahren. Du wirst die Eisberge sehen.
Ein jäher, harter Ruck am Riemen seiner Schultertasche und er wusste sofort, was ihm geschah. Blitzschnell wandte er sich um, hatte den Gurt in der Hand und sah die Tasche aus geschwärztem Leder greifbar nahe vor sich. Ein nicht eben zierlicher Mann im weißen T-Shirt zerrte daran, bis der Widerhaken aus dem Leder riss. Er wollte den Gauner packen, aber die anderen hielten ihn fest. Mehr instinktiv als sinnlich spürte Leif, dass es vier Männer waren, die sich von hinten an ihn herangepirscht hatten. Als er in die Bree-Streast einbog, war niemand vor ihm gewesen. Leif gelang es, sich einen der Kerle zu krallten, zwang ihn zu Boden, er schlug sich verzweifelt mit dem viel jüngeren Gegner auf dem Asphalt. In seinem Kopf raste eine wilde, panische Angst: Der Pass! In der Tasche ist mein Pass! Das Schiff! Das Schiff wird ohne dich abfahren!
Der Mann entwand sich seinen Griffen. Es war alles Sekundensache. Leif rannte ihm hinterher. Du musst ihn packen. Die Spur zu deinem Pass! Einen der Täter sah er in einem Tor verschwinden. Sie rannten um den ganzen Häuserblock und Leif brüllte „Polizei! Polizei!“, ohne sich dessen bewusst zu sein, dass er dies hätte englisch rufen müssen. An einer leichten Straßensteigung wurde ihm die Luft knapp. Wieso er den Strolch doch noch erwischt hat, ist ihm ewig ein Rätsel geblieben. Wahrscheinlich waren Leute entgegengekommen oder Leifs tierisches Gebrüll hatte den Jüngling entnervt. Jedenfalls bekam er ihn zu fassen, fast genau an der Stelle, wo der Überfall stattgefunden hatte.
Später, auf dem Revier, im blutverschmierten Hemd, versuchte Leif den Polizisten klarzumachen, in welcher vertrackten Lage er sich jetzt befand. Nein, er sei nicht als Urlauber hier. Er warte auf sein Schiff, das ihn in die Antarktis bringen soll. Doch das schien den Beamten weniger bedeutend als die Tatsache, dass Leif während der Schlägerei auch das Geld aus der Hose geklaut worden war.
Die Polizisten waren, soweit es in ihrer Macht stand, sehr zuvorkommend. Nachdem er das Protokoll unterschrieben hatte, fuhren sie ihn sogar zum Hotel. Er wusch sich, weichte das Hemd in kaltem Wasser ein und meinte, dass er alles in allem Glück gehabt habe. Die hätten dir eine Klinge in den Rücken jagen können. Messerstiche gehörten offenbar nicht zur Arbeitsweise der kleinen Bande.
Aber der Pass war weg! Er sah bereits das Schlimmste vor sich: Das Schiff läuft ohne ihn aus, weil er keinen Pass hat. Ja, das wäre das Schlimmste, so nahe vor dem Ziel umkehren zu müssen. Wie lange hatte er sich bemüht, in die Antarktis zu gelangen. Leif lebte damals in einem Land, dessen Behörden sich nicht immer willens zeigten, eine gut ausgebildete Person in lebensfeindliches Gebiet reisen zu lassen. Manchmal hinderten ihn auch eigene Angelegenheiten, über viele Monate der Heimat adieu zu sagen. Leif klammerte sich an die Hoffnung, dass es irgendein Behelfspapier geben müsse, das ihm erlauben würde, zum Zwecke einer Forschungsreise, noch dazu in eine Gegend, wo nicht einmal ein Hund begraben wird, den Hafen zu verlassen und wieder zu betreten.
Daran durfte es nicht scheitern! Einmal die Eisberge sehen! Die weiten weißen Schollenfelder auf dem Meer. Vielleicht sogar den fremden Kontinent betreten! Wann und wie sich dieser Traum eingestellt hatte, konnte er nicht sagen. Möglich, dass auch bei ihm schon in der Kindheit kleine Sinnkristalle wuchsen, woran sich, unbewusst und unbemerkt, sein Lebensmuster formte. Schneekristalle anfangs, die er im Sonnenschein bewundert hat. Zauberhafte Eisblumen an den Scheiben. Als er zur Schule ging, hatte er, vom Vater dazu angeregt, im Schneepolster der Blumenkästen Temperaturen gemessen, daran erinnerte er sich manchmal. Warum er das tat, wusste er nicht mehr. Später las er die wunderbare Geschichte, wie ein Kindertrupp in Not geratene Polarforscher retten wollte. „Das Eismeer ruft“, so hieß sie. Vielleicht war es das, was den Keim setzte? Als er etwas Geld hatte, kaufte er nach und nach alles, was er über ferne Eisgebiete erwerben konnte. Irgendwann begann er, seine Chancen abzuwägen, selbst einmal in die Antarktis zu fahren. Bei Leuten, die darüber zu befinden hatten, bekam er auf seine Anfragen wenig tröstliche Antworten. Doch jetzt war es so weit. Jetzt stand er vor der Reise seines Lebens und hatte keinen Pass.
Am nächsten Tag ging Leif zum Konsulat. Er war noch nie in einem Konsulat gewesen. Was er dort sah und hörte, beeindruckte ihn auf unangenehme Weise. Wie bei der Post oder der Sparkasse musste er vor einen verglasten Schalter treten und sein Anliegen vortragen. Alle Leute im Raum hörten zu. Er malte sich aus, wie peinlich es sein müsste, wenn hier jemand seinen Scheidungsstreit erläuterte. Dann fragte die Dame hinter Glas: „Womit können Sie Ihre Identität beweisen?“ Das fand Leif ein wenig witzig. Was sollte einer, den man ausgeraubt hatte, vorlegen können? Zum Glück entsann er sich eines alten Betriebsausweises, der längst nicht mehr gültig war und den er in einer Anwandlung aus Vorsicht und guter deutscher Erziehung eingesteckt hatte, weil es sich doch sozusagen um ein Dienstschiff handelte. Schließlich sollte er erfahren, dass Geld tatsächlich mehr wert ist als jeder Pass. „Irgendein“ Papier gab es hier nicht. Einen Pass aber konnte man kaufen. Die säuselnde Stimme verlangte alles in allem etwa hundert Mark. Von einem ausgeraubten Menschen! Außerdem müsse er, Leif, das polizeiliche Protokoll und ein Passbild beibringen. Ein Passbild, das beim Fotografen angefertigt und bezahlt werden muss!
Er lief vier Tage lang den bürokratischen Angelegenheiten hinterher. Zweifelnd und hoffend, dass letztlich alles gutgehen würde, betrat Leif die Filiale einer niederländischen Bank. Die schwarzafrikanische Frau am Mikrophon hörte ihn freundlich an, rollte ihre großen Augen von einem Winkel in den anderen und bewirkte, was das deutsche Konsulat nicht zustande gebracht hat – in Berlin anzurufen und nachzufragen, ob es den Leif Taller wirklich gibt. Ob es stimme, was die fragwürdige Person behauptet, dass er ein Konto hätte, Adresse und dergleichen.
Die niederländische Bank gewährte ihm ein Darlehen von tausend Rand. Tausend Rand?
„Ja ja, die Fremde hat ihren Preis“, sagte die fremde Angestellte.
Das war die Rettung. Am fünften Tag saß Leif am Pier auf nackten Steinen, den Rücken an einen Container gelehnt. Die Sonne schien. Sechzehn Uhr fünfzehn sollte die „Polar Flower“ in den Hafen einlaufen. Sechzehn Uhr fünfzehn bog das Schiff um den Leuchtturm auf der Mole herum und legte an.
Spillkys Erzählung
Der Orkan hatte sich mit den üblichen Bildern angekündigt: dichte Zirruswolken, die über dem Horizont ausfaserten. Draußen war es stockdunkel. Gegen das Fenster peitschte der Sturm Schneeflocken mit solcher Kraft, dass sie an der Scheibe haften blieben wie splittriges Kristall. Es pfiff und fauchte. Die Holzwände begannen zu knarren. Auf dem Dach unserer bescheidenen Hütte klapperte ein Blech.
Robert Spillky saß in der Ecke und kaute Cornflakes. Vor ein paar Minuten hatte er den Feuerlöscher aus dem Gurt an der Wand genommen und wieder hingehängt. Mir fiel ein, dass er das schon einmal getan hat. Auch sonst verhielt sich der lange Kerl mit dem Stoppelbart etwas wunderlich. Manchmal saß er an seinem Arbeitstisch und stierte auf ein Foto, das neben dem Fensterrahmen hing. Darauf war ein junger Mann zu sehen, der sehr selbstsicher dreinschaute. Ein fremder Blick, mir nicht geheuer. Wenn Spillky so dasaß und vor dem Bild zu meditieren schien, kam es vor, dass seine rechte Gesichtshälfte zu zucken begann, ein krampfartiges Zucken, das erst allmählich nachließ. Zu fragen, wer der Porträtierte sei, traute ich mich nicht. Ich war der Neuling hier.
Spillky kannte das Dronning-Maud-Land. Er war erst vor einem Jahr ins heimatliche Brandenburg zurückgekehrt, und jetzt hausten wir schon wieder seit fünf Monaten an der antarktischen Küste.
Die Zeiger der kleinen Kuckucksuhr, die irgendein früherer Bewohner der Hütte zurückgelassen hatte, gingen auf dreizehn Uhr, der Beobachtungstermin kam heran. Dass Robert nicht raus wollte, rechnete ich seinem Alter an. Und der Sturm brauste immer wütender. „Sieh dich vor! Ich pass' hier auf“, sagte er.
Was gibt’s denn hier aufzupassen, fragte ich mich. Aber zu grübeln war jetzt keineZeit. Sturmanzug, Stiefel an, Kapuze geschnürt und raus. Vor der Hütte eine weiße Wand. Der Wind hatte Schnee zu einem meterhohen Wall verpresst. Mit dem Spaten grabe ich mir einen Weg nach oben. Eisnadeln stechen ins Gesicht. Ein Windstoß wirft mich zu Boden. Wie ein Maulwurf krieche ich über den Firn, rutsche eine Schneewehe hinab in die vom Brüllen des Orkans erfüllte Finsternis. Der Strahl der Taschenlampe dringt nur einen oder zwei Meter weit voraus. Am Leitseil entlang finde ich den Weg zur Wetterhütte, kriechend, stolpernd, von Luftwirbeln hin und her geworfen. Mit aller Kraft klammere ich mich an das Eisengerüst des Wetterhäuschens. Nach vielen vergeblichen Versuchen gelingt es mir, die Messwerte abzulesen und auf eine Plexiglasfolie zu schreiben.
In die Hütte zurückgekehrt, dauert das Auskleiden länger als die Beobachtung selbst. Nur langsam schmilzt das Eis von den Augenbrauen. An den Wangen und an der Nase werden die ersten Erfrierungsmerkmale spürbar.
„Stärk' dich erst mal“, meint Robert Spillky. „Die Beefsteaks sind fertig. Hab auch schon Kaffee gebrüht.“
Was mich wundert: Der Feuerlöscher steht wieder neben dem Doppelstockbett. Dreht der Mann durch? Man hat ja schon von sonderbaren Geschichten gehört. Dass Polarforscher in langer Winternacht zu phantasieren beginnen, Konserven unter der Matratze horten oder aus Verzweiflung den Lautsprecher von der Wand reißen. In Mirny soll ein Hund irre geworden sein und dutzende Stiefel durchgebissen haben.
Spillky serviert die Steaks, wirft Zuckerwürfel in den Kaffeebecher und rührt lange um. Aber seine Bewegungen sind fahrig, die Finger zittern. Seine Gedanken scheinen in weiter Ferne zu verweilen.
„Robert, was ist los mit dir?“
Er sah sich hilflos um.
„Was soll der Feuerlöscher auf dem Boden?“
„Muss man zur Hand haben“, sagte er verlegen, nippte am Kaffee, verschluckte sich, schnaufte und grummelte: „Bei Sturm, weißt du ...“
Spillky wies mit dem Löffel auf das Bild an der Wand, ohne den Grund zu erklären. „Das passierte im letzten Winter.“
„Was?“
Er strich sich ein paar Mal über den Bart und sah mich grübelnd an. Dann begann zu erzählen: „Wir lagen in der Station hinter dem Gletscher. In Holzhäusern wie diesem, bisschen stabiler. Einige der alten Kästen waren im Eis versunken. Auch unser Trakt. Acht Räume unter einer vier Meter hohen Schnee- und Eisdecke. Ich schlief mit Alois Feinstein im letzten Zimmer.“ Er unterbrach sich, und sein Blick ruhte wieder auf dem Antlitz des jungen Mannes auf dem Foto.
„Mittwinternacht, das wird überall gefeiert. Weißt du ja. Von da an geht’s aufwärts, die Sonne nähert sich der Kimmlinie. Also floss der Wodka. Kondratjew, in seiner Bude hatten wir uns versammelt, spielte auf der Harmonika, sang dazu und tanzte sogar, in oder aus der Kniebeuge, wie das die Russen so machen. Alois gab Am Brunnen vor dem Tore zum Besten, und wie er das sang, wusste ich genau, an wen er dachte. Donnernder Beifall. Ein Trinkspruch folgte dem anderen, auf die Freundschaft, auf das Leben! Als es zwölf wurde, öffnete Sergej, einer von den Synoptikern, die Fensterläden, die ja in der Baracke unter dem Eis noch vorhanden waren. Wir starrten auf die graue Wand, die uns umgab, und Sergej rezitierte eine Ode an den Mond. Das war schon lustig. Wir waren alle bester Stimmung. Aber ich hatte von dem Fusel genug, und ich wollte oben, in unserem chemischen Labor – auch so ein massiver Holzschuppen, der ragte aber noch aus den Schneewehen heraus – die Proben für den nächsten Tag vorbereiten. Alois war damit nicht fertig geworden. Ich trollte mich, zog die dicken Klamotten über und stieg die Holzleiter in dem schmalen Schacht hinauf ins Freie.
Ich war ziemlich schlapp. Hatte zwei Beobachtungstermine hinter mir. Im Sturm wie jetzt da draußen, ach, schlimmer. Spitzengeschwindigkeiten von sechsundfünfzig Metern in der Sekunde, furchtbar. Messerscharfer Treibschnee. Langsam wuchs eine Eismaske vom Kapuzenrand über das Gesicht. Ich stürzte mehrmals. Kein Signalscheinwerfer zu sehen. Völlig verschwitzt kam ich an, taute mit einem warmen Handtuch das Eis ab, bereitete die Gläser für die nächsten Schneeproben vor und fiel todmüde in die Koje.
Und dann … Sirenengeheul lässt mich hochfahren. Alarm! Alarm! Das Dröhnen im Lautsprecher über der Tür hört nicht auf. Ich krieche wieder in den Sturmanzug. Raus! Jetzt drückt der Wind von hinten, ich muss mich weit zurückneigen, um nicht zu stürzen, taste mich am Leitseil entlang. Wohin? Nichts zu erkennen in dem Schneewirbel.
An einer Seitenleine begegnet mir Kosta, ein Aerologe. 'Was ist los?' frage ich.
'Poshar!' schreit er gegen den Wind.
Poshar – Brand! Um Himmels Willen! Brand bei diesem Orkan!
'Wo?' schreie ich zurück.
'Meteorologija.'
Mich packt ein Grauen. Feuer in der Holzbaracke! Unter diesem Eis! Die Kameraden. Alois! Mein Freund Alois! Und die anderen!
Kosta stößt mich weiter. Ich stapfe ohne Verstand den Weg zurück, den ich wenige Stunden vorher gegangen bin.
Am Messfeld schwere Kettenfahrzeuge und Traktoren, schwarze Schatten in der schwarzen Nacht. Dahinter – mir stockt der Atem – die rote Wolke über dem Schacht zu unseren Zimmern. Sie flimmert und steht still, steht still trotz des Schneesturms. Der Widerschein des Feuers. Nur manchmal spuckt der Schlund eine Flamme aus, nicht groß, wie das Lohen einer Fackel.
'Wo sind sie?' schreie ich einen Mann an. Er weist mit der Hand auf die lodernde Stelle und wendet sich ab. Schemenhafte Gestalten um mich herum. Jeder hat mit dem Sturm zu kämpfen, um sich auf den Beinen zu halten. In wilder Hast schaufeln sie Schnee in den Schlot. Das Feuer blakt nur ein bisschen heller. Die meisten stehen ratlos 'rum, Schaufeln und Hacken zur Hand, verzweifelt wie ich. Wir können nichts tun. Der Schnee ist glasig hart, die Spaten dringen kaum ein. Ein Pflug versuchte, an der Seite der Wohnräume einen Graben aufzureißen, aber die Räume lagen zu tief – und die Zeit verging. Ein Bagger kippte Eis in die Flammen. Alles vergeblich. Alles – vergeblich. Keiner konnte gerettet werden.
Die nächsten Stunden waren der Horror. Der Lichtschein über dem Brandherd wurde schwächer, zog sich in die Gruft zurück. Ich wäre am liebsten hinterher gekrochen. Manchmal schlugen Funken hoch von Holzresten der brennenden Leiter. Längsseits brach die Eisdecke ein. Wir sahen verkohlte Balken. Da befahl der Stationsleiter, der Natschalnik, dass wir uns in die Unterkünfte zu begeben hätten. Nur die Techniker, als Bergungstrupp, sollten bleiben. Kosta nahm mich mit ins Haus der Aerologen. Schlafen konnten wir nicht. Acht Kollegen waren zuletzt in der Meteorologenhütte. Acht Tote.
Am Abend darauf, wenn man das so nennen kann, es war ja ununterbrochen finster, durften wir wieder raus ins Gelände. Ich stehe am Rand der Grube. Sehe hinunter in die Ecke, wo mein Bett stand. Auf einem Schutthaufen erkenne ich es wieder, ausgeglüht und verbogen. Die Bergungskolonne durchwühlt noch mit Äxten und Stoßstangen den Boden, um Aufzeichnungen oder persönliche Sachen zu finden. Aber das Feuer hatte den Schnee geschmolzen, eine Wasserschicht hinterlassen, die nach wenigen Stunden gefroren war.
Was geborgen werden konnte – kläglich wenig. Der größte Teil, die Tabellen, die Temperaturschriebe – vernichtet. Unter dem persönlichen Kram finde ich meinen Fotoapparat, verbeult und verrußt, meine geliebte Pentacon, und ein paar halb verbrannte Fotos. Dann entdecke ich, wie durch ein Wunder noch lesbar geblieben, mein Tagebuch. Und Briefe von meiner Frau; wir hatten kurz vor meiner Abreise geheiratet. Diese Sachen, so erzählte man mir, hätten in einem Bündel unter Alois' Bauch gelegen. Da fiel mir ein, dass ich die Papiere einmal in eine Ledertasche getan und Alois gebeten habe, im Falle einer Katastrophe darauf zu achten.
Der Abschied von den Kameraden, aufgebahrt im Lagerraum. Ich war mit allen so vertraut! Alois, mein engster Freund. Wir hatten zusammen studiert. Jetzt lag er vor mir, jämmerlich erstickt. Sein Gesicht war fahl, unter der Nase und um die Lippen Ruß. Vom Einatmen. Abgewischt mit dem Taschentuch. Alois! Er dachte an sein Versprechen, meine Briefe und Notizen zu retten, als für ihn selbst keine Rettung war, als er schon des Todes war.“
Spillky schwieg. Er hatte Tränen in den Augen, und als ein Windstoß das Dachblech aufschlagen ließ, begann seine Wange wieder heftig zu zittern.
„So war das“, beruhigte er sich, wie um einen Schlusspunkt zu setzen. „Nach dem Abendessen habe ich mich zu unserer Laborhütte rauf geschleppt. Die lag etwas höher als die übrigen Gebäude. Die Tür war eingefroren. Mit der Schulter dagegen gerammelt. Schnee auf dem Boden. Finster, kein Strom. Unheimlich still. Kein Ticken der Geräte, kein Summen, kein Klopfen der Pumpe. Der Strahl der Taschenlampe geistert über die Temperaturschreiber. Alle Registrierungen waren morgens 4.58 Uhr stehengeblieben. Tisch und Stühle – alles noch so, wie wir es tags zuvor verlassen hatten. Der scharfe Schein des Lichts verweilt auf einem Aschenbecher, ein zerquetschter Zigarettenstummel. Daneben eine halb ausgetrunkene Tasse Tee, schwarzer Tee, zu Eis erstarrt. Es ist Alois' Tasse. Ein Stillleben, das schreien will. – Seltsam, manchmal träume ich von Bränden, Bäume brennen, ganze Straßenzüge brennen“, sagte Robert Spillky langsam und bedächtig. „Und immer geht aus den Flammen Alois' verrußtes Gesicht hervor und dieses Bild: der Aschenbecher, der geknickte Zigarettenstummel und die Tasse, halb gefüllt mit schwarzem Eis.“
Wieder schaute er lange auf das Porträt an der Wand. Ich erhob mich, schlurfte zum Propankocher, auf dem der Kaffee leise vor sich hin brodelte und füllte die Becher. Aber ich konnte noch so viel Zucker hinzugeben, der Kaffee schmeckte bitter.
Eine Böe rüttelte an der Hütte, riss einen Packen Schnee vom Fenster, sodass ein dunkles Loch entstand, das sogleich wieder von Kristallen zugedeckt wurde.
„Warum gab es denn nur einen Zugang in die Räume unter Eis?“ frage ich. „Das ist doch völlig unerklärlich.“
Spillky nickte. „Schlamperei. Die alte Schlamperei.“
Inzwischen war der nächste Beobachtungstermin herangekommen. Ich machte Anstalten, Daunenhose, Fellanorak und Stiefel bereitzulegen.
„Lass mal“, sagte Spillky jetzt. „Ich geh' raus.“
Ich sah ihn zweifelnd an.
Sein Körper richtete sich auf. Um die Mundwinkel ein selbstgewisses Lächeln. „Ja, ich geh' raus.“